Was bedeutet Klimakolonialismus?

 

Die zahlreichen Extremwetterereignisse der vergangenen Jahre machen die Bestrebungen für eine klimaneutrale Gesellschaft aktueller denn je. Besonderen Auftrieb erhält die Energiewende nun zusätzlich durch die neue geopolitische Situation des Russland-Ukraine Konflikts. Wie ich bereits an anderer Stelle beschrieben habe, versuchen die westlichen Industriestaaten dieses Ziel mit ökologischen Modernisierungspaketen wie dem amerikanischen Green New Deal, dem europäischen Green Deal oder auch den nationalen Corona-Konjunkturpaketen zu erreichen.

Im Zentrum der ökologischen Modernisierung steht das grüne Wachstum. Mithilfe technologischer Innovationen soll durch die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcen- bzw. Energieverbrauch die Dekarbonisierung der Wirtschaft erreicht werden (Entkopplungsthese). Als Beispiele wären hier unter anderem ein Ausbau der erneuerbaren Energien, Investitionen in Wasserstoff und die Förderung der Elektromobilität zu nennen.

Windräder in Griechenland, Foto von Jason Blackeye, Unsplash


Rohstoffe für die Energiewende

Doch für die Umstellung auf ‚grüne‘ Energie braucht es Rohstoffe. In ihrem jüngsten Sonderbericht über die Rolle kritischer Rohstoffe für die Umstellung auf saubere Energie bestätigt die Internationale Energieagentur gleich im ersten Satz, dass für den Bau von Fotovoltaikanlagen, Windparks und Elektrofahrzeugen in der Regel mehr Rohstoffe benötigt werden als für ihre Pendants aus fossilen Brennstoffen. Ein typisches Elektroauto benötigt beispielsweise sechsmal mehr Rohstoffe als ein Fahrzeug mit konventionellem Antrieb und eine Windkraftanlage an Land benötigt neunmal mehr Rohstoffe als ein Gaskraftwerk. Seit 2010 ist somit die durchschnittliche Menge an Rohstoffen, die für eine neue Einheit Stromerzeugungskapazität benötigt wird, um 50% gestiegen.[1] Zudem sind zahlreiche strategische Rohstoffe vor allem in Ländern des Globalen Südens zu finden, was die Umweltgerechtigkeitsdebatte vor neue Herausforderungen stellt.[2]

 

Eine Ausdehnung der imperialen Lebensweise?

Die gegenwärtig im Globalen Norden vorangetriebene Energiewende steht also in einem direkten Zusammenhang mit der steigenden Nachfrage nach bestimmten strategischen Rohstoffen. Jason Hickel ergänzt in diesem Kontext, dass es sich bei der Umstellung auf erneuerbare Energien meist um eine Energieaddition statt einer Energietransition handelt.[3] Für die lokale Bevölkerung macht sich dies häufig durch die gebündelten Effekte ‚alten‘ und ‚neuen‘ Rohstoffabbaus bemerkbar (in Kolumbien beispielsweise durch die Errichtung von Windparks für grünen Wasserstoff und den Abbau von Kohle). Insgesamt kommt es also gegenwärtig zu einer Zunahme von Umweltkonflikten. Nicht selten werden einzelne Projekte mit Vorwürfen von Zwangsvertreibung, Mord und sexueller Gewalt in Verbindung gebracht. Das verdeutlicht die auch in der Energiewende enthaltene Prämisse der Externalisierung.

Im deutschsprachigen Raum wurde das Thema Externalisierung zuletzt besonders eindrucksvoll von Stephan Lessenich mit Neben uns die Sintflut[4] sowie von Ulrich Brand und Markus Wissen mit Imperiale Lebensweise – Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus bearbeitet. Brand und Wissen argumentieren, „dass das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wesentlich über die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Naturverhältnisse andernorts ermöglicht wird: über den im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsvermögen, die natürlichen Ressourcen und Senken“.[5] Es lässt sich leicht zu dem Schluss kommen, dass die Energiewende auch weiterhin auf der imperialen Lebensweise basiert. Man denke nur an den Kobaltbergbau im Kongo, die Lithiumgewinnung in Argentinien, den Kupferbergbau in Chile oder den Abbau von Nickel in Indonesien. Aber ist das gleich kolonial?

Ein vergleichsweise kleines Wasserkraftwerk, Foto von Dan Meyers, Unsplash

 

Von imperialer Lebensweise zu Klimakolonialismus

Der Begriff des Kolonialismus ist nicht ganz trivial. Mitte des vergangenen Jahrhunderts zerfiel die koloniale Weltordnung und die ehemals kolonisierten Länder wurden formal unabhängig. Doch es dauerte nicht Lange bis erstmals von einem Neokolonialismus die Rede war.[6] Dieser wird meist verwendet, um ein neues Verhältnis zwischen Staaten und Unternehmen aus westlichen Industriestaaten und Ländern des Globalen Südens auszudrücken. Als zentrales Element gilt dabei, dass Staaten trotz formaler Unabhängigkeit wirtschaftlich und politisch von außen gesteuert werden. Dies passiert nun deutlich unsichtbarer, zum Beispiel mithilfe der globalen Schuldensituation und der finanziellen Abhängigkeit von Finanztransfers aus dem Globalen Norden, durch monopolistische Handelsstrukturen, durch eine ausländische Kontrolle der Wechselkurspolitik, durch die Eigentumsverhältnisse in multinationalen Unternehmen sowie durch Ungleichgewichte in globalen Wirtschaftsinstitutionen (vor allem Weltbank, Internationaler Währungsfonds und Welthandelsorganisation).[7]

All diese Punkte sind zweifelsohne auch heute noch aktuell, jedoch liefert die Energiewende in diesem Zusammenhang wenig neue Erkenntnisse. Doch steht Kolonialismus wirklich nur für ungleiche globale Machtstrukturen und die Steuerung von außen? Dieser Aspekt wird klarer, wenn wir uns die jüngsten Diskussionen rund um den Begriff der Kolonialität anschauen. Letzterer bezieht sich neben wirtschaftlichen und politischen, explizit auch auf kulturelle und psychologische Auswirkungen des Kolonialismus. Kolonialität geht also über die wirtschaftliche Abhängigkeit hinaus und verdeutlicht die zahlreichen Verflechtungen zwischen einer rassistischen, sexistischen, patriarchalen, kapitalistischen, christlich-zentrierten, imperialen und kolonialen Moderne.[8] Gemeint ist die eurozentrische und nordamerikanisch-zentrierte Moderne und die westliche Weltanschauung sowie damit verbundene Formen des Denkens, Wissens und Handelns.

Der Begriff des Klimakolonialismus ermöglicht es daher die Kolonialität der Energiewende, verstanden als Aufrechterhaltung der zuvor beschriebenen dominanten Denk-, Wissens- und Handlungsmuster zu betonen. Statt beispielsweise von indigenen Völkern, ihren Formen der sozialen Organisation und ihrer Gegenseitigkeit mit der Natur zu lernen, kommt es durch Lithium-Bergbau, riesige Wind- und Solarparks für den Export von grünem Wasserstoff sowie der Privatisierung von Wald für den Handel mit Emissionszertifikaten zu einer Ausweitung kapitalistischer Logiken und westlicher Weltsichten. Anders gesagt: Die eurozentrische oder nordamerikanisch-zentrierte Moderne hat globale Herausforderungen wie die Klimakrise nicht nur entscheidend mitverursacht, sondern bildet nun auch ein Hindernis für echte Lösungsansätze.

Vor kurzem hat die taz ein kurzes Video zum Zusammenhang von Klimakrise und Kolonialismus veröffentlicht.



Literaturangaben

[1] International Energy Agency, The Role of Critical Minerals in Clean Energy Transitions, Paris 2022 (= World Energy Outlook Special Report) (Stand: 2022), S. 5.

[2] Clare Church/Alec Crawford, Minerals and the Metals for the Energy Transition: Exploring the Conflict Implications for Mineral-Rich, Fragile States, in: Manfred Hafner/Simone Tagliapietra (Hrsg.), The Geopolitics of the Global Energy Transition, Cham 2020, S. 279–304.

[3] Jason Hickel, Less is more. How degrowth will save the world, London 2020.

[4] Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin 2016.

[5] Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise - Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus, München 2017, S. 43.

[6] Kwame Nkrumah, Neo-Colonialism. The Last Stage of Imperialism, Bedford 2009 [1965].

[7] Aram Ziai, Neocolonialism in the globalised economy of the 21st century: An overview, in: Momentum Quarterly - Zeitschrift für sozialen Fortschritt 3/2020, S. 128.

[8] Ramón Grosfoguel, Decolonizing Post-Colonial Studies and Paradigms of Political-Economy: Transmodernity, Decolonial Thinking, and Global Coloniality, in: TRANSMODERNITY: Journal of Peripheral Cultural Production of the Luso-Hispanic World 1/2011.