Nimmt die globale Armut tatsächlich ab?

 

Immer wieder stößt man auf beeindruckende Statistiken, die zeigen, dass die globale Armut in den letzten zwei Jahrhunderten dramatisch abgenommen hat. So sei der Anteil der Weltbevölkerung in extremer Armut zwischen 1820 und 1981 von 84 Prozent auf 44 Prozent gesunken. Heute liege der Anteil gar bei unter 10 Prozent[1]. Hat die globale Ausbreitung des Kapitalismus seit dem 19. Jahrhundert, und besonders die neoliberale Politik des Washington Konsens ab den 1980er Jahren tatsächlich zu einem Rückgang der globalen Armut beigetragen? Ob in Hans Roslings Bestseller Factfulness, Rutger Bregmanns Utopien für Realisten, Statistiken der Weltbank, des Weltwirtschaftsforums oder der an der Universität angesiedelten Plattform Our World in Data. Alle kommen scheinbar zu dem ähnlichen Ergebnis, dass der Kapitalismus „großartige Maschine zur Wohlstandserzeugung“ sei[2]. So kommt Bregmann schließlich zu dem Schluss, dass wahre Problem unserer Zeit sei „nicht, dass es uns nicht gutginge oder dass es uns in Zukunft schlechtergehen könnte. Nein, das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können“. Auch wenn ich Bregmanns anschließendes Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen in weiten Teilen unterstütze, hat mich sein Eröffnungskapitel nachdenklich gemacht. Woher kommt der unbeirrbare Glaube, dass der Kapitalismus die extreme Armut auf nie dagewesene Art und Weise ausgerottet habe?

Globale Armut

Die Abbildung, von der immer wieder die Rede ist. Bill Gates bezeichnete sie auf Twitter gar als seine ‘Lieblingsgrafik’.

 

 Soziale Ungleichheit auf dem Vormarsch

Diese Darstellung wird umso verwunderlicher, wenn man sie jüngsten Studien zur Ungleichheit gegenüberstellt. In den vergangenen Jahren hat die Ungleichheitsforschung rund um die Arbeiten des französischen Ökonomen Thomas Piketty einen wahren Aufschwung erfahren. In seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert (2014) und dem anschließenden Kapital und Ideologie (2020) untersucht er die Vermögens- und Einkommensstatistiken in zahlreichen Ländern. Er kommt zu dem Schluss, dass besonders seit den 1970er Jahren die Einkommen aus Vermögen schneller wachsen als die Einkommen aus Arbeit[3][4]. Mit anderen Worten, Arm und Reich driften auseinander. Auch in Zeiten der COVID-19 Pandemie wurde das Wachstum der reichsten Vermögen nicht gestoppt. Im Gegenteil. Tatsächlich öffnet sich die Schere nur schneller als je zuvor. Ein Extremfall sind die Vermögen von Jeff Bezos und Elon Musk, die aufgrund der Marktkapitalisierung von Amazon und Tesla im Jahr 2021 stark gestiegen sind. Laut der Zeitschrift Fortune betrugen die Vermögen zusammengerechnet fast 500 Milliarden (also eine fünf mit elf Nullen bzw. eine halbe Billion) US Dollar. Verdiente Musk zwischen April 2020 und April 2021 durchschnittlich 383 Millionen US Dollar pro Tag, so verdiente er Ende Oktober 2021 an einem einzigen Tag 36 Milliarden US Dollar. Zur Veranschaulichung: Um die 36 Milliarden Dollar wieder auszugeben, hätte Musk nun für die nächsten knapp 99 Jahre jeden Tag eine Million US Dollar zur Verfügung. Sein Gesamtvermögen beträgt allerdings knapp 300 Milliarden US Dollar, bei gleicher Rechnung also 822 Jahre. So machte David Beasley, Direktor des UN Welternährungsprogramms, Musk wenige Tage später darauf aufmerksam, dass 2 Prozent seines Vermögens ausreichen würden, um das globale Hungerproblem zu lösen.

 

Rückgang extremer Armut? Ein Darstellungsproblem

Aber zurück zur extremen Armut. Die Behauptung, die extreme Armut sei seit 1820 massiv und kontinuierlich zurückgegangen ist auf den ersten Blick durchaus einleuchtend. Das Prinzip des Privateigentums, der Konkurrenz und des Wettbewerbsdrucks hätten Innovationen hervorgebracht, die einige Unternehmer:innen reich machten. Dieser konzentrierte Reichtum sei über den Trickle-Down Effekt schließlich „nach unten gesickert“, also allen Menschen zugutegekommen. Erste Ansätze einer Trickle-Down Theorie finden sich zwar schon in Adam Smiths Wohlstand der Nationen, besonders Ronald Reagan prägte den Begriff jedoch, um Steuersenkungen und wirtschaftspolitische Deregulierungen zu rechtfertigen. Der Kapitalismus und der freie Markt seien somit für alle von Vorteil. Extreme Vermögen wie von Jeff Bezos oder Elon Musk kämen letztendlich der breiten Masse zugute.

Tatsächlich zeigt der Anthropologe Jason Hickel in seinem Buch The Divide: A Brief Guide to Global Inequality and its Solutions, dass es keine Daten gibt, die eine solche Behauptung untermauern könnten. 1820 befand sich der größte Teil der Menschheit in einer Situation, in der gar kein Geld zum Leben benötigt wurde. Heute dagegen kämpft ein Großteil der Menschheit mit extrem geringen Geldbeträgen ums Überleben. Die Armut wurde demnach also nicht reduziert, vielmehr wurden Menschen und Gemeinschaften enteignet und in kapitalistische Arbeitsverhältnisse gedrängt (siehe auch mein Beitrag zum Gespenst der Entwicklung). Die gewaltsame Geschichte der Kolonisierung wird so in eine „glückliche Geschichte des Fortschritts“[5] umgeschrieben.

Zudem basiert der in Roslings Factfulness und Bregmanns Utopien für Realisten abgebildete Trend auf einer willkürlich gewählten Armutsgrenze von 1,90 US Dollar pro Tag. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass 1,90 US Dollar pro Tag in jeder Hinsicht ein zu niedriges Niveau sind, um eine Grundversorgung mit Lebensmitteln auch nur halbwegs sicherzustellen. Hickel plädiert deshalb dafür, die Armutsgrenze auf mindestens 7,40 US Dollar pro Tag zu erhöhen. Der Harvard-Wissenschaftler Lant Pritchett besteht gar darauf, dass diese auf 10 bis 15 US Dollar pro Tag erhöht werden sollte[6]. Wenn man als Armutsgrenze nun die konservativ gerechneten 7,40 US Dollar pro Tag anlegen würde, erhält man ein vollkommen anderes Bild: Demnach ist die Zahl der Menschen, die unter dieser Grenze liegen, seit Beginn der Messungen 1981 massiv gestiegen. Die wenigen erzielten Fortschritte lassen sich hingegen Größtenteils China zuordnen[7][8].

Nach Hickel’s Analyse kommt der Reichtum einiger weniger also nicht der Allgemeinheit zugute. Doch dieses wirkmächtige Narrativ ist nicht nur völlig falsch, es ist auch sehr gefährlich. Denn es legitimiert soziale Ungleichheit, die langfristig die demokratische Stabilität bedroht[9].

Quellen

[1] R. Bregmann, Utopia for Realists, London, 2017.

[2] R. Bregmann, Utopia for Realists, London, 2017.

[3] T. Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München, 2014.

[4] T. Piketty, Kapital und Ideologie, München, 2020.

[5] J. Hickel, Bill Gates says poverty is decreasing. He couldn't be more wrong, The Guardian (2019).

[6] J. Hickel, The Divide. A Brief Guide to Global Inequality and its Solutions, London, 2018.

[7] J. Hickel, Bill Gates says poverty is decreasing. He couldn't be more wrong, The Guardian (2019).

[8] M. Göpel, Unsere Welt neu denken: Eine Einladung, Berlin, 2020.

[9] T. Piketty, Der Sozialismus der Zukunft: Interventionen, München, 2021.