Jenseits von Nord und Süd? Warum der Begriff des ‚grünen Kolonialismus‘ zu kurz greift

In einem meiner vorherigen Beiträge habe ich dargestellt, warum und inwiefern die gegenwärtige Energiewende auch als kolonial bezeichnet werden kann. Ich halte den Begriff des grünen Kolonialismus politisch für sinnvoll, um auf diverse Missstände die mit der Energiewende verbunden sind aufmerksam zu machen. Sei es die Vertiefung von ungleichen Machtverhältnissen und sozialer Ungleichheit oder die ‚Kolonialität des Wissens‘, also eine eurozentrische Dominanzkultur zulasten alternativer Formen der Wissensproduktion (zum Beispiel von indigenen Gemeinschaften).[1] Gleichzeitig halte ich den Begriff des grünen Kolonialismus für unzureichend, analytisch ungeeignet und sogar ein bisschen gefährlich. In diesem Beitrag werde ich erläutern, warum ich das so sehe.

 

Alles schwarz und weiß?

Wie gesagt, ich möchte nicht abstreiten, dass viele der gegenwärtigen Entwicklungen koloniale Tendenzen aufzeigen und auch als kolonial oder neo-kolonial bezeichnet werden sollten. Ganz im Gegenteil, ich halte den Begriff des grünen Kolonialismus sogar für politisch sehr relevant, um auf Missstände bei der globalen Energiewende, der Grünen Ökonomie oder allgemein der Ökologisierung unseres Wirtschaftsmodells hinzuweisen. Es handelt sich um ein Schlagwort, dass von NGOs und Aktivist*innen geschickt besetzt werden kann und sollte, um zum Beispiel politische Forderungen nach mehr Kontrolle von und Verantwortlichkeit hinsichtlich Rohstofflieferketten durchzusetzen.

Gleichzeitig wirkt der Begriff allerdings auch wie ein Todschlagargument. In meinem Seminar zur Energiewende meinte eine Studentin kürzlich verbittert, es sei „eh immer das Gleiche“ und laufe „ohnehin alles immer auf die gleichen kolonialen Verhältnisse hinaus“. Das ist nicht nur schade, sondern in der Wissenschaft auch ein wenig gefährlich. Eine solche Aussage zeichnet ein übertriebenes schwarz-weiß Bild und versperrt jedwede Möglichkeit die Wechselwirkungen zwischen lokal und global im Detail zu verstehen, die Rolle einzelner Akteurinnen und Akteure zu beleuchten und regionale Feinheiten analytisch herauszuarbeiten. Kurzum: Er verschleiert Komplexität.

 

(Geopolitische) Tendenzen in der Energiewende

In der kritischen sozialwissenschaftlichen Literatur sind Begriffe wie grüner Kolonialismus, grüner Extraktivismus oder grüne Opferzonen derzeit in Mode. Ich möchte dieser Sichtweise drei Tendenzen entgegenstellen, die darauf verweisen, dass eine dichotomisierende Betrachtung von Nord und Süd in vielerlei Hinsicht zu kurz greift.

Chinas Rolle in der Weltordnung

Da wäre zum einen die Bedeutung Chinas. Chinas Rolle in der globalen Weltordnung hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Als bevölkerungsreichstes Land und zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat China nicht nur auf regionaler, sondern auch auf globaler Ebene erheblichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss. Initiativen wie die Belt and Road Initiative verdeutlichen Chinas aktive Außenpolitik und den Führungsanspruch des Landes hinsichtlich globaler Infrastruktur- und Entwicklungsfragen. In wirtschaftlicher Hinsicht ist China zudem zu einem wichtigen Akteur im globalen Handel und bei Investitionen geworden, da sein großer Markt und seine wachsende Mittelschicht das Land zu einem attraktiven Ziel für ausländische Unternehmen machen.

So hat zum Beispiel BMW 2022 sein mittlerweile drittes Werk in China eröffnet und der ehemalige VW-Konzernchef Herbert Diess sagte 2019 „Die Zukunft von Volkswagen wird sich auf dem chinesischen Markt entscheiden.“[2] Bei der deutschen Automobilindustrie gilt China also längst nicht mehr als günstige Produktionsstätte, sondern auch als wichtigster Fahrzeugmarkt: Für BMW, Volkswagen und Mercedes ist China heute größter Verkaufs- und Wachstumsmarkt.[3] Gleichwohl sich die Prophezeiung von Herbert Diess wohl eher auf die Absatzzahlen auf dem chinesischen Markt bezog, ließe sich dieser Gedanke am Beispiel der deutschen Automobilindustrie noch etwas weiterspinnen: So benötigt die Industrie für die Elektromobilität große Stückzahlen leistungsstarker Batterien. Im Jahr 2020 lag Chinas Anteil bei der in Betrieb genommenen Kapazität für Batteriezellen bei 76%. Die USA kamen auf 8%, Europa auf 7%, Südkorea auf 5% und Japan auf 4%. Dieser Blick auf Prozentzahlen verschleiert wiederum die Herkunft und Kontrolle ebendieser Produktionskapazitäten. Die führenden in den USA und Europa produzierenden Unternehmen sind BYD aus China, Panasonic aus Japan und LG Energy Solution aus Südkorea.[4] Jenseits der Zellproduktion ist China, gefolgt von Japan und Südkorea, auch bei der Herstellung von Kathoden, Anoden, Elektrolytlösung und Separatoren führend.[5]

Mit Chinas Dominanz auf der weiterverarbeitenden Ebene der Batterie-Wertschöpfungskette sind auch immer stärkere Investitionen chinesischer Unternehmen in die Förderung und Exploration von Rohstoffen verbunden. So wird der Lithium-Markt heute besonders durch den Eintritt neuer chinesischer bzw. asiatischer Akteur*innen dominiert. Mehr als die Hälfte der argentinischen und chilenischen Lithiumkarbonat, -oxid und -hydroxid Exporte gehen allein nach China, Japan und Südkorea. Kann man also am Beispiel der Elektromobilität wirklich noch von einem klassischen Nord-Süd Verhältnis reden? Überschätzen wir dabei nicht den Einfluss der EU und ignorieren, dass sich die globalen Kräfteverhältnisse längst gewandelt haben?

 

Rohstoff-Onshoring in der Europäischen Union

Als zweiten Punkt möchte ich an dieser Stelle gerne auf das zunehmende Rohstoff-Onshoring innerhalb der Europäischen Union verweisen. Bleiben wir bei der Batterie-Wertschöpfungskette und dem Rohstoff Lithium. Längst hat die die Europäische Union Lithium auf ihre Liste der ‚kritischen‘ Rohstoffe gesetzt. Die Kritikalität ergibt sich in diesem Fall aus der erwartenden Bedeutung des Rohstoffs für Zukunftstechnologien und der großen Importabhängigkeit der EU. Um diese Situation zu ändern und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie für die Zukunft zu sichern, fördert die EU die Erschließung, Exploration und den Abbau von Rohstoffvorkommen innerhalb ihrer Mitgliedsstaaten. Während also jahrelang die Maxime des Outsourcings verfolgt wurde und Kostenreduktion sowie Externalisierung von negativen Umweltauswirkungen Priorität hatten, gewinnt heute vor allem die Versorgungssicherheit an Relevanz. Am Beispiel des Lithiumabbaus in den USA und in Europa beschrieb Thea Riofrancos dies zuletzt als einen neuen ‚Sicherheits-Nachhaltigkeits-Nexus‘.[6]

Wie ich in einem im Journal für Entwicklungspolitik veröffentlichten Beitrag am Beispiel Portugals gezeigt habe, formiert sich auch rund um die Bergbauprojekte in Europa vielerorts Protest. Wenn auch einige davon klassische NIMBY-Proteste („not in my backyard“) sind, stellen andere die Ökologisierung eines nicht-nachhaltigen Wirtschaftssystems grundsätzlich in Frage. Anknüpfend an die Arbeiten von Thomas Piketty zur zunehmenden sozialen Ungleichheit, verweist die Verlagerung von negativen Umwelteffekten in die Mitgliedsstaaten auch auf eine Zunahme ökologischer bzw. multidimensionaler Ungleichheit. Das zeigt deutlich, dass Globaler Norden und Globaler Süden keine rein geographischen Kategorien sind.

 

Die Bedeutung einzelner Akteur*innen und Akteure

Als dritten Punkt halte ich die ‚agency‘ von Akteur*innen und Akteuren für zentral. Was ist damit gemeint? Bleiben wir hier ebenfalls beim Beispiel Lithium. In der Presse ist immer wieder vom sogenannten Lithium-Dreieck die Rede, eine besonders rohstoffreiche Region im Drei-Länder-Eck zwischen Argentinien, Bolivien und Chile. Hin und wieder wird medial auch über teilweise ‚spektakuläre Funde‘ in anderen Weltregionen berichtet. Doch was bedeutet eigentlich der simple Umstand, dass ein Rohstoff an einem bestimmten Ort zu finden ist? „Geology is not destiny“ schreibt Riofrancos in einer Überschrift und verweist darauf, dass einerseits die Kritikalität eines Rohstoffs von sozialen Zuschreibungen abhängt. Andererseits das ob und wie ein Rohstoff abgebaut wird, damit noch lange nicht entschieden ist, sondern von dominanten Diskursen und Interessen abhängt. Dies widerspricht in Teilen auch allzu strukturtheoretischen Positionen, dass der Kapitalismus sich unweigerlich in die letzten Ecken des Planeten ausbreitet, Natur zur Ware und die vor Ort lebenden Menschen zu Proletarier*innen werden lässt. Zwar wird die Drei-Länder-Region zwischen der argentinischen Puna, dem bolivianischen Altiplano und der chilenischen Atacamawüste heute aus Investor*innensicht heute mit dem Abbau von Lithium in Verbindung gebracht. Gleichzeitig haben es einige kleine Gemeinschaften und Gemeinschaftsbündnisse geschafft, die Ausbreitung des Lithiumabbaus zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Die Protestbewegung der Salinas Grandes ist dafür sicher ein gutes Beispiel. Geologie ist eben kein Schicksal. Es kommt immer auch auf die Menschen an. Das macht Mut für die Zukunft.

 

Jenseits von Nord und Süd?

Natürlich bräuchte es zu jedem diese Punkte weitere Studien. Wie sieht Chinas Rolle bei anderen ‚kritischen‘ Rohstoffen und relevanten Energieträgern (zum Beispiel Wasserstoff) aus? Inwiefern werden in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sozial-ökologische Ungleichheiten vertieft und inwiefern lässt sich der Rohstoffabbau in Ländern wie Spanien, Österreich oder Deutschland mit dem Abbau in Lateinamerika vergleichen? Und zu guter Letzt: Unter welchen Bedingungen schaffen es soziale Bewegungen sich erfolgreich gegen die Macht multinationaler Konzerne, ganz egal ob europäisches oder asiatisches Kapital, zu stellen?

Die gegenwärtigen geopolitischen Dynamiken und Verschiebungen im Rahmen der Energiewende böten sicher noch ausreichend Stoff für einige weitere Beiträge. Ich habe in diesem Beitrag drei grundlegende (geopolitische) Tendenzen der Energiewende zusammengeschrieben, welche die dichotome Betrachtung zwischen einem ‚steuernden‘ Globalen Norden und einem ‚reagierenden‘ und rohstoffexportierenden Globalen Süden in Frage stellt.

Literaturverweise

[1] Anibal Quijano, Coloniality of Power, Eurocentrism, and Latin America, in: Nepantla: Views from South 3/2000, S. 533–580

[2] https://www.spiegel.de/wirtschaft/china-warum-die-abhaengigkeit-der-deutschen-autoindustrie-zum-problem-wird-a-b7731f71-fff2-43bf-958f-3e6cc0ca3213

[3] https://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/bmw-autobauer-eroeffnet-drittes-werk-in-china-a-a2a148f8-bd80-40bd-a7f8-2f96ed107b31

[4] Bridge, Gavin; Faigen, Erika (2022): Towards the lithium-ion battery production network: Thinking beyond mineral supply chains. Energy Research & Social Science 89, S. 102659. DOI: 10.1016/j.erss.2022.102659 .

[5] Ibid.

[6] Riofrancos, Thea (2022): The Security-Sustainability Nexus: Lithium Onshoring in the Global North. Global Environmental Politics, S. 1-22. DOI: 10.1162/glep_a_00668 .